Donnerstag, 19. März 2009

Am Nachmittag sitzen Sanne und ich zusammen im Café und nippen an unseren Getränken, während die Staubflocken im fahlen Sonnenlicht tanzen. Nachdem die Liebesangelegenheiten in allen Einzelheiten besprochen wurden, geht es ums Geld. Sanne hat einen neuen Job, immerhin. Aber ich weiß nicht, wie viel Arbeitslosengeld ich ab nächsten Monat bekommen werde, weil die Heinis sich Zeit lassen. Außerdem haben die Recherchen im Netz deutlich gezeigt, dass die finanziellen Zukunftsaussichten, selbst bei einer Vollzeitstelle, alles andere als rosig sind.

Wir kommen beide mit wenig Geld aus. Das macht die immerwährende Übung. Auch deshalb waren die letzten drei Jahre in finanzieller Hinsicht die reinste Erholung. "Du hast mich immer eingeladen", sagt Sanne, während sie Zucker in ihren Tee kippt. "Das war wirklich toll." Ich überlege, ob das stimmt, ob ich sie wirklich immer eingeladen habe. Es kann tatsächlich stimmen, auch wenn es mir nicht aufgefallen ist. Aber es war eine Selbstverständlichkeit, weil ich Geld hatte und Sanne nicht. Also eigentlich nicht der Rede wert. "Jetzt bist du arbeitslos und ich lade ich dich ein", sagt sie grinsend und ruft nach der Rechnung. Ich bin ganz gerührt von dieser Geste, auch wenn mir dieser Rollenwechsel sehr schwer fällt.

Am Abend sitze ich bei der Tatze am Küchentisch und korrigiere die Hausaufgaben vom Glitzerfunkelsternchen. Auch hier geht es ums Geld, auch hier vor allem um das fehlende. "Neuer Rechner, Klassenfahrt, Klamotten und Schuhe für das Kind und nebenbei noch der ganz normale Alltagskram", zählt sie auf. Die Tatze erwähnt ihre Knieschmerzen und dass sie täglich zur Arbeit laufen muss, weil momentan kein Geld für eine Fahrkarte übrig ist. Wir reden über Schulden, ausgeschöpfte Dispokredite, notwendige Rentenversicherungen und diskutieren über die Frage, wie man leben soll, wenn das Geld einfach nie ausreicht. Wir finden keine akzeptable Lösung. Ich merke, dass ich innerlich voller Wut bin. Darüber, dass eine alleinerziehende Mutter jeden Pfennig dreimal umdrehen muss, obwohl sie einen Vollzeitjob hat und sich auch für Wochenend- und Abendschichten nicht zu fein ist. Am liebsten würde ich der Tatze einen ganzen Batzen Geld auf den Tisch häufen. Aber ich habe ja selber keins.

Bevor ich gehe, lege ich immerhin meine Monatskarte auf das Schränkchen im Flur. "Nein, das geht doch nicht", erwidert die Tatze heftig, "du hast doch auch kein Geld". "Aber ein Fahrrad", gebe ich zurück, ziehe eine Fratze und erkläre, dass ich aus Gewichterhaltungs- und Konditionsgründen sowieso umsteigen muss. "Du leistest damit einen wertvollen Beitrag für meine Gesundheit", sage ich mit Oberlehrerinnenstimme und wir müssen beide lachen. So geht es.

Trotzdem. Es ist und bleibt ein großer Mist, die ganze Sache mit dem Geld. Wie mich dieses Thema nervt. Wie es immer wieder auftaucht, bei mir, bei meinen Freundinnen. Und es ist abzusehen, dass es niemals anders werden wird, dass die wenigsten von uns entspannt und ohne Rumrechnerei mit ihrem Geld auskommen werden, weil wir in unseren Jobs meistens unterbezahlt sind oder befristete (Kurz-)Arbeitsverträge haben. Oder beides.


 

Mittwoch, 18. Februar 2009

Mr. Evil ist seit unserem Treffen im letzten Jahr wieder fester Bestandteil in meinem Leben. Wie früher schon variieren unsere Gespräche nur in dem Punkt, dass die handelnden Personen wechseln, das Thema ist immer dasselbe. Er erklärt mir die Männer, ich ihm die Frauen, falls wir nicht gerade damit beschäftigt sind, uns wegen eben jenen gegenseitig zu trösten.

In der Kneipe hört er sich die Sache mit dem Christdemokraten an, lässt mich in Ruhe erzählen, während ich am liebsten im Boden versinken will. Als ich zum Ende komme, schaue ich ihn abwartend an. "Was für ein Arschloch", sagt er langsam und kopfschüttelnd, "was für ein Arschloch." Wir schweigen lange, denn schon beim Erzählen hat meine zitternde Stimme gezeigt, wie sehr mir dieses Erlebnis zugesetzt hat. Leise füge ich noch hinzu, dass ich lange, sehr lange, keinen Sex gehabt habe. Mit zusammengekniffenen Augen schüttelt Mr. Evil den Kopf. Ich fahre fort und gebe zu, dass die betäubenden Magenschmerzen am Vortag vielleicht auch daher rührten. Er starrt mich ungläubig an, möglicherweise, weil dieser Zusatz die Katastrophe noch um ein Vielfaches verschlimmert. "Was für ein Riesenarschloch", sagt er schließlich mit tiefer Stimme, nimmt meine Hände fest in seine, während seine himmelblauen Augen böse blitzen. Seine Anteilname tut mir gut, sie ist echt und freundschaftlich. Anschließend schimpft er lange und ausdauernd, analysiert und erklärt und kommt immer wieder auf den Punkt. Er weiß genau, dass seine Worte eine Weile brauchen, bis sie bei mir ankommen, dass ich diesen Mann wirklich abhaken und dafür mantramäßig immer wieder die Situation in Gedanken vorbeiziehen lassen muss.

Später stapfen wir vorsichtig durch die dunklen, verschneiten Straßen, schweigend, ich bei ihm eingehakt. Wir reden über das Verlassenwerden, über Einsamkeit, über Verzweifelung. Bei ihm angekommen hören wir ungefähr 27 Mal Ne me quitte pas von Jacques Brel und überlegen, ob wir ein bisschen zusammen weinen sollen, entscheiden uns dann aber dagegen. "Turn mir lieber was vor", sagt er stattdessen und ich tue es. "Wow", sagt er dann vollkommen erstaunt "du bist wie eines dieser Mädchen aus den Flexigirl-Pornos." Ich stehe auf dem Kopf und habe große Mühe, beim Lachen das Gleichgewicht zu halten. Mr. Evil ist tatsächlich fasziniert und überzeugt, dass diese Verrenkungen sein neuer Fetisch werden müssen. Was folgt, ist ein Abend, der mich ablenkt von den Geschehnissen am Tag zuvor, der mich auffängt und mir Spaß macht, denn wie zwei Kinder kämpfen und balgen wir miteinander, kichern und scherzen. Am Ende bin ich erschöpft, mir tut mir der Hintern weh und mein Haar ist nass von Bier und vollkommen verdreckt, weil ich mit dem Kopf über den halben Boden gezogen worden bin. "Komm ins Badezimmer, du versiffte Neuköllner Pennerbraut, ich wasche dir die Haare", sagt er grinsend, nimmt mich bei der Hand und zieht mich zur Badewanne. Ziemlich gekonnt schäumt er mein Haar ein, massiert meine Kopfhaut und erzählt mir dabei von seinem neuen Job. Dann spüre ich seine Hand im Genick und das eiskalte Wasser, das er mir in Augen, Nase und Mund spritzt, bis ich anfange zu husten. "Vollidiot", kreische ich, als ich wieder Luft kriege und muss schon wieder lachen, kann kaum mehr damit aufhören, huste und pruste, werfe mit einer Hand die Shampooflasche nach ihm, während ich mit der anderen versuche das komplett durchnässte Shirt über meinen Kopf zu ziehen. "Ich bin der Udo Walz der SM-Szene", sagt er mit gezierter Stimme und ich kichere schon wieder los und bin einfach froh, bin erleichtert und glücklich, weil der schwere Klumpen in meinem Magen spürbar kleiner wird.

Spät in der Nacht, nach Pizza und Salat, liegen wir nebeneinander im Bett, eingekuschelt in seine Bettdecke. Ich bin satt, zufrieden und müde und es scheint, als hätte ich alle Traurigkeit einfach weggelacht. Mr. Evils Arm liegt quer über meinen Körper gestreckt, seine Hand auf meinem Hüftknochen. Es ist das erste Mal seit weit über 24 Stunden, dass ich ein Gefühl von Ruhe empfinde, obwohl diese Situation alles andere als gewöhnlich ist. Bevor ich gänzlich einschlafe, spüre ich seine Hände, die ganz sacht und zart meinen Körper entlangstreichen, über meine Taille, über die Rippen zur Brust und mein erster Impuls ist Abwehr, obwohl es sich warm, weich und gut anfühlt. Ich brauche kaum Mühe aufbringen, um den Kopf auszuschalten und einfach nur zu spüren, mich fallen zu lassen, weil ich hier sicher bin, weil nichts passieren kann, weil er niemals gehen würde, weil er mein Freund ist.



Am nächsten Morgen ist alles heiter und still. Wetter & Gemüt. Der Himmel ist wolkenlos klar und unverschämt blau, während die Sonne ihre Strahlen auf die Erde schickt um meine kalten Wangen zu wärmen. Ich versuche nicht zu denken, nicht zu bewerten und schon gar nicht zu bereuen, aber ich nehme mir vor, einen Schritt langsamer zu gehen. Schließlich muss man bei dem Gerenne ja irgendwann ins Stolpern kommen.


 

Donnerstag, 12. Februar 2009

Dienstagnacht will ich auf den Arm und schicke dem Beuteschema eine SMS. "Lass uns doch ein bisschen Mühe geben. Es wäre schade, wenn es vorbei wäre, bevor es angefangen hat." Ich muss über mich selber lachen, obwohl ich im gleichen Augenblick nicht mehr sicher bin, ob meine Worte tatsächlich der Wahrheit entsprechen oder ob es nicht eher der Wunsch nach Nähe ist, der mich so zahme Worte finden lässt. Aber egal, denn er stimmt mir zu, schickt einen Kuß und wünscht sich ein gemeinsames Abendessen am Donnerstag.

Mittwochabend kommt eine Mail. "Liebste K.", schreibt er immerhin, gefolgt von einer erneute Absage und einer Erklärung, die mir zeigt, dass er ziemlichen Stress hat. Trotzdem ist er aufmerksam genug, den Nagel auf den Kopf zu treffen: "Ich hoffe, dass dieses Chaos - das sonst bei mir nicht üblich ist - an der Woche liegt und nicht an uns." Tja, da kann man nur hoffen. In der Tat.

Als ich am späten Abend aus der Anstalt komme, treffe ich zufällig die Tatze. "Was macht der Klassenfeind?", will sie wissen und ich erzähle mit langem Gesicht von den zwei geplatzten Dates. "Unzuverlässig ist er also auch noch", sagt sie und muss dabei schon selber grinsen. Ich forme mit Daumen und Zeigefinger beider Hände ein Herz und schmatze Küsse in die Luft bis die Tatze mit der Einkaufstasche nach mir schlägt. Wir laufen eine Weile schweigend nebeneinander her, jeder in seine eigenen Gedanken vertieft. Dann sagt sie: "Ich habe nochmal mit meinen Kollegen gesprochen." Es ist klar wovon sie spricht. Es geht um unsere Auseinandersetzung über das Beuteschema und die Frage, ob man mit so einem Mann knutschen darf. "Und?", will ich wissen und bleibe stehen, während uns der Nieselregen auf die Gesichter fällt. "Knutschen ist ok, aber kein Sex oder mehr, verstanden?", sagt sie in strengem Mutti-Tonfall, grinst schräg, schnappt sich meinen Arm und zieht mich Richtung U-Bahn. "Und was sagt die Politikredaktion?", will ich dann doch noch wissen, denn die sind schließlich vom Fach. "Das sind alles Verräter. Die haben gesagt, Vergnügen kommt vor Parteizugehörigkeit." Hahaha. Sehr gut.

Nun steht dem Sonntagsausflug nichts mehr im Weg. Jedenfalls nichts, außer einer erneuten Absage seinerseits.


 

Donnerstag, 1. Januar 2009

Vor genau einem Jahr habe ich eine Entscheidung getroffen. Die Entscheidung: Leben. Der Anfang war schwer, sehr schwer sogar. Ich habe lange gebraucht, Wochen und Monate, um mich selbst aus diesem Kokon des grauschlierigen Elends, in dem ich so lange gefangen war, zu befreien. Es war ein mühseliger Kampf, ein kräftezehrendes Strampeln, aber ich hatte diese Entscheidung getroffen. 2008 kam leichtfüßig in mein träges, traumloses Dasein gehüpft, nahm mich bei der Hand und ließ mich hochleben, weil jede Faser meines Körpers danach gierte.



Beziehungen sind mein Leben. Und nachdem ich so lange mit mir allein gewesen bin, musste ich hinaus in die Welt und allen verkünden, dass ich wieder da bin, dass ich noch lebe, dass ich wieder mitmachen will. Jeder Anruf und jedes Treffen waren kleine Wunder, die mich mit offenen Armen empfingen. Und neben meinen alten Freunden und Bekannten, gab es auch ein paar neue Menschen, die einfach in mein Leben spazierten und zumindest für eine kleine Weile einen Platz einnahmen, der für den Moment genau richtig und wichtig war.

Mein Vater ist für mich wohl die wichtigste Person in meinem Leben. Ich bin ihm so dankbar für alles. Besonders im ersten halben Jahr, wie auch in den Jahren davor, war er ständig um mich herum, rief fast täglich an, redete mir gut zu, nahm mich mit ins Kino, ins Café, in den Garten, backte mir Pfannkuchen und Kaiserschmarrn und zeigte mir unermüdlich, wie sehr und wie grenzenlos er mich liebt. Auch wenn die Beziehung zu seiner Frau unseren Vater-Tochter-Frieden zur Zeit auf eine sehr harte Probe stellt, wissen wir doch, wie sehr wir miteinander verbunden sind und dass wir beide nicht ohne einander können und wollen.

Und dann gab es noch die Geschichte mit meiner Mutter. Nachdem wir praktisch zwei Jahre lang keinen Kontakt miteinander hatten, schien plötzlich alles ganz einfach. Als ob die Zeit gekommen wäre. Eine Karte, ein paar Emails, ein Anruf, ein Treffen. Wir sind vorsichtig und lieb miteinander umgegangen, geben uns Mühe und es scheint gar nicht so schwer zu sein, gemeinsame Stunden zu verbringen, ohne ständig auf der Hut vor neuen Kränkungen sein zu müssen. Ich bin froh, dass es so gekommen ist, denn ich liebe meine Mutter, trotz der Gemeinheiten, die sie mir früher angetan hat.

Es war auch ein anstrengendes Jahr. Ein Jahr, das ich brauchte, um mich von den Qualen der letzten Jahre zu erholen. Zeit voller Aufmerksamkeit von mir für mich. Die Türkei und London, Ausstellungsbesuche, Museen, Galerien, Kino, Vorträge. Stunden, in denen ich schweigen und trotzdem meine Umwelt wahrnehmen konnte. Es war die Zeit der Entscheidungen und der Taten. Ich habe mir eine Therapeutin gesucht und mich wieder von ihr getrennt. Ich habe den Kloppitreff gesucht und gefunden und bin eine der Personen, die ihn auch heute noch zusammenhält. Ich habe wieder angefangen zu bloggen und viel Spaß am Schreiben gehabt. Ich habe einen Sport gefunden, dem ich vollkommen verfallen bin und der mich glücklich macht.

Zurück ins Leben, auch in Herzensangelegenheiten. Ich habe wieder für Männer schwärmen können. Ein Zustand, von dem ich dachte, dass ich ihn nie wieder erleben würde. Aber gleich zu Beginn des Jahres kam der Lieblingskollege daher und ich habe ihn umschwärmt und verehrt, dass es eine wahre Freunde war. Im Nachhinein bin ich ziemlich sicher, dass er es nicht einmal bemerkt hat, denn in all dem Wunschdenken, waren meine Annährungsversuche wohl doch so dezent, dass ich sicher gehen konnte, nicht plötzlich mit seinem Interesse konfrontiert zu werden.

Und dann platzte zu guter Letzt auch noch der Philosoph in mein Leben und verdrehte mir den Kopf. Er steht dabei nicht nur für eine Person, ein Individuum, sondern auch für eine Leidenschaft, die für mich einen großen Stellenwert besitzt. Er hat das kleine schlafende Dornröschen in mir geweckt, ein Begehren, für das es dieses Jahr nur einen ganz kleinen Platz in meiner Fantasie gab. Aber es ist aufgewacht und das ist die Hauptsache.




Ich bin zurück. Ich lebe wieder. Es ist ein Gefühl, als sei ich wieder ein Ganzes. Das Äußerliche und das Innerliche haben sich wieder übereinander geschoben, auch wenn eine Menge Narben zurückgeblieben sind.

Sieh dich vor, 2009, ich komme!


 

Mittwoch, 24. Dezember 2008



Ich habe ein paar Kerzen angezündet. Ist schließlich Weihnachten, ob mit oder ohne Familie.

Liebe und Frieden und so!

Vergessen Sie das bitte nicht. Und halten Sie alle die Ohren steif.


 

Dienstag, 9. Dezember 2008

Sinnlose Dinge muss man beenden. Lange genug habe ich die Sache jedenfalls überdacht und ausprobiert. Es ist Zeit Abschied zu nehmen von der Frau aus L., die ein wenig perplex dreinschaut, als ich ihr meine Entscheidung mitteile.

Es ist ein unspektakuläres und emotionsloses Auseinandergehen und unterscheidet sich somit nicht wesentlich vom Großteil unserer Sitzungen. Aber immerhin will sie mir etwas mit auf den Weg geben. "Haben Sie keine Angst vor wiederkehrenden Depressionen", sagt sie in ihrer gütigen Art, "Sie wissen ja, dass Sie da auch wieder herauskommen." Schweigen. Ich sehe sie ungläubig an und wünsche mir sehnlichst, dass ich mich verhört habe. "Dreieinhalb Jahre habe ich dafür gebraucht", gebe ich langsam zurück und kann mir einen schnippisch-giftigen Tonfall nicht verkneifen, "für mich liegt so ein Zeitraum nicht im Rahmen des Erträglichen". Sie sagt nichts.

Ich gehe und weiß, dass es die richtige Entscheidung ist.

Als offene Frage bleibt, ob ich zu anspruchsvoll bin, kein Händchen bei der Auswahl habe oder ob es einfach Pech war, zweimal bei Personen zu landen, die nicht mehr zu geben hatten, als beifälliges Kopfnicken und ein freundliches Lächeln.


 

Samstag, 29. November 2008

Für die, die sich gesorgt haben: Es tut mir leid.

Ich habe hier einfach nicht mehr reingeguckt. Sie wissen schon, das Leben und so.


 

Dienstag, 14. Oktober 2008

Eine Woche ist es her, dass ich mich für den Kloppitreff entschieden habe. Eine Entscheidung für mich, damit ich am Ball bleibe. Eine Entscheidung für die anderen, damit sie am Ball bleiben. Eine Herzensangelegenheit. Ist es. Oder doch nicht?

Über ein halbes Jahr treffen wir uns schon. Viele Wochen, viele Treffen. Während ich auf die anderen warte, ziehen die Erinnerungsfetzen durch meinen Kopf. Dieser bunt zusammengewürfelte Haufen. So unterschiedlich im Charakter, in Bildungsgrad, Alter und Reife. Und doch harmonisieren wir miteinander. Mit keiner von ihnen habe ich Freundschaft geschlossen, aber mit allen konnte ich ein sicheres Vertrauensverhältnis aufbauen. Jede einzelne kennt Seiten an mir, die mir sehr unangenehm und peinlich sind, Dinge, von denen sonst kaum jemand weiß. Und umgekehrt genauso. Das schweißt zusammen.

Ich werde in meinen Gedanken unterbrochen, als die Raumbesitzerin ihren Kopf durch die Tür streckt. Sie teilt mir mit, dass Kloppi1, Kloppi2 und Kloppi3 angerufen haben und sich entschuldigen. Aha. Kloppi4 hatte bereits per Mail eine fadenscheinige Ausrede hervorgebracht. Kloppi5 kommt heute aus dem Urlaub zurück und hatte schon beim letzten Mal angekündigt, dass aus dem Treffen wohl nichts werden würde. Von Kloppi6 keine Spur. Kloppi7 bin ich selbst. Das war's.

Ich sitze da und will nicht glauben, dass sie mich tatsächlich alleine hier sitzen lassen. Aber so ist es. So und nicht anders. Und während ich meine Jacke anziehe und mir die Tasche umhänge, spüre ich plötzlich einen heftigen Schmerz in mir. Wie ein Fausthieb in die Magengrube. Wie eine schallende Ohrfeige ins Gesicht. Wie ein Arschtritt mit Anlauf. Oder alles zusammen.

Eine Nacht und ein Tag sind vergangen. Aber ich weiß immer noch nicht, ob ich ihnen das verzeihen kann. Ich sehe keinen Weg zurück und nichts, was das wieder gut machen kann. Es geht nicht nur um dieses eine Treffen. Es war eine Entwicklung, die ich schon in den letzten Wochen wahrgenommen habe und die der Grund war, warum ich mich in der letzten Woche überhaupt dafür entscheiden musste. Leider bin ich sehr nachtragend. Und stocksauer. Und enttäuscht, traurig, müde. Ich habe keine Lust mehr.


 

Montag, 6. Oktober 2008

Ich habe euer Geheule so satt! Ich mag nicht mehr.
Dachte ich, nachdem ich vor drei Wochen das letzte Mal beim Kloppitreff war. Die Erste hat Streit mit dem Freund, die Zweite mit den Eltern, die Dritte hat Stress bei der Arbeit, die Vierte findet das Leben prinzipiell scheiße und so weiter und so weiter. Obwohl ich die Frauen allesamt mag, gehe ich an diesem Abend mit einem schlechten Gefühl nach Hause. Mit einer tiefen Leere. Und der Sehnsucht, sie alle nie wiedersehen zu müssen. Sollen sie doch alleine heulen, sich grämen, bemitleiden, im Elend wälzen, während ich mit neu entdeckter glückstaumeliger und nervig-übertriebener Lebenslust durch die Tage stolpere.

Aber ich kann sie nicht einfach hängen lassen. Nicht mit einem Grund, der aus einer einmalig empfundenen Laune heraus entstanden ist. Denn trotz allem habe ich die Truppe mittlerweile in mein Herz geschlossen. Was das Mistvieh angeht, sind sie zu meinen Vertrauten geworden. Zu den Menschen, mit denen ich offen und ehrlich sein kann. Die nicht zu schocken sind, weil sie das alles kennen, weil sie sich kennen, weil sie mich kennen.

Als ich am Abend mit dreiminütigen Verspätung ins Zimmer platze, eine Begrüßung in die Runde werfe, von einer zur anderen blicke, sie mich alle anlächeln, jede auf ihre Art, da kann ich plötzlich an keinem bösen Gedanken mehr festhalten. Das folgende Gespräch zeigt wieder einmal unsere Gemeinsamkeiten. Die kleinen Heimlichkeiten, die Peinlichkeiten, die Scham, die Geschichte, die uns alle verbindet. Trotz der Ernsthaftigkeit ist der Abend nicht deprimierend sondern fühlt sich warm und gut an.

Keine Schnellschüsse mehr, nehme ich mir vor. Keine übereilten Urteile. Nur noch konsequente Inkonsequenz.


 

Freitag, 30. Mai 2008

Aus Erfahrung weiß ich, dass es mit Geschriebenem ganz anders aussieht als mit Gedachtem. Während Gedanken immer wieder durch meinen Kopf streifen und ich sie anschließend beiseite schieben kann, hat das Geschriebene Gewicht. In Worte gefasste Gedanken hatten schon immer eine starke Wirkung auf mich. Ich kann mir damit selbst den letzten Schubs geben und mich mit meinen eigenen Worten davon überzeugen, dass die Zeit reif für Taten ist.

Ich sitze auf dem braunen Ledersofa der Frau aus L. und wundere mich, dass sie zu ihrer grün-weißen Kleidung blaue Socken trägt. Das sieht nämlich nicht gut aus. Also schaue ich ihr lieber schnell in die Augen und erzähle, was mir durch den Kopf gegangen ist, was ich aufgeschrieben habe, in den letzten Tagen. Und schon beim Erzählen merke ich, dass mein Unwohlsein gar nicht an ihr liegt. Mein Zaudern und in-Frage-stellen hat einen anderen Grund und der ist ganz unabhängig von ihrer Person. Ich brauche diese Art von Gesprächen nicht mehr, so einfach ist die Sache, als sie erst einmal ausgesprochen ist. Dafür erstaunt mich die Heftigkeit der Wut darüber, wie mühselig es in den letzten Jahren für mich war, mir Hilfe zu suchen und das daraus resultierende Wissen, dass man sich doch nur selbst helfen kann (wenn man denn noch kann), weil man ansonsten in diesem Gesundheitssystem verloren ist. Den Helfenden ist man nämlich scheißegal.

Die Frau aus L. lässt mich schimpfen und meckern, bis ich davon genug habe und dann zählt sie die Alternativen auf, zwischen denen ich wählen kann und an welchen Themen wir noch arbeiten könnten. Ihre Worte klingen so leicht wie ich mich fühle. Zwei Treffen mit größeren Abständen, dann fährt sie in Urlaub und danach entscheiden wir, wie es weitergeht. Ob es weitergeht. Kontrollieren, ob ich die Rückversicherung brauche und das Wissen, dass sie da wäre, wenn alles so kommen würde, wie in meinen dunklen Alpträumen phantasiert.

Auf dem Weg nach Hause bin ich stolz auf mich. Ich krieg das schon hin, mit dem Leben. Aber weil ich eben keine andere geworden bin, sondern nur ein bisschen so wie früher, traue ich dem Frieden nicht und grummele auf dem Rad vor mich hin. Aber auch beim Grummeln kann man Grinsen. Und zwar sehr gut.