Donnerstag, 12. März 2009

Vor dem Wiedersehen mit dem Samstagsdate bin ich nervös. Je näher die Verabredung kommt, desto wüster werden die von mir fantasierten Szenarien vom Ablauf des Abends. Er wird hereinkommen, nur kurz auf dem Sofa Platz nehmen und mir sagen was Sache ist. Dass er mich nicht wiedersehen will. Dass der Samstag ein Fehler war. Dass er mich hässlich/dumm/langweilig findet. Dass er kein Interesse hat.

could we / take a walk / could we / have a talk alone / in the afternoon

Zaghaft betritt er den Flur und lugt um die Ecke. "Na!", sagt er mit seinem verschmitzt-neckisch Unterton und wir grinsen uns an. Ich mache einen vorsichtigen Schritt auf ihn zu, aber er zieht mich forsch an sich, küsst mich auf die Lippen und alles ist gut. Unser Gespräch geht da weiter, wo wir es am Sonntag unterbrochen haben. Während er spricht, halte ich seine Hände, denn seine Worte sind so schwer, dass sie keine Distanz ertragen würden. Es muss raus, ich spüre es fast körperlich, er kann es nicht aufhalten, selbst wenn er wollte. Er versucht zu erklären, versucht Worte zu finden, für das, was zu Hause passiert. Es geht um die unerträgliche Angst vor dem Verlust des Liebsten. Der Kinder. Ich höre schweigend zu, denn er spricht nicht mit mir, sondern versucht, sich selbst seine Welt zu erklären. Ein Monolog über die großen Stolpersteine des Lebens. Er ist in Trauer, man hört es an seiner Stimme, sieht es in seinen Augen und während er spricht, lege ich sanft meine Wange an sein Herz. "Nicht aufgeben", sage ich leise und als er fertig ist, nehme ihn an der Hand und ziehe ihn hinter mir her ins Schlafzimmer.

could we / have a seat / why yes be my guest / you can hold my hand

Weiterreden. Es gibt so viel zu sagen. Über die Kindheit, die Familien, über Vergangenheit und Gegenwart, über Trennungen und andere Krisen, über Träume, Wünsche, Hoffnungen, Glück und BDSM. Zwischendurch schweigen wir immer wieder, weil man außer Reden ja noch mehr schöne Dinge tun kann. "Ich quatsche zu viel", sagt er fragend, während sein Kopf schwer auf meiner Brust liegt. Ich schüttele verneinend den Kopf und küsse die Spitze seines kleinen Fingers. "So ist es genau richtig", gebe ich zurück und er nickt erleichtert, während ich mich unter ihm wegrolle und meine kalten Füße zwischen seine Oberschenkel schiebe. Wir sind zu alt für halbe Sachen, denke ich im Stillen. Schonungslose Offenheit. Was hat man in unserem Alter schon zu verlieren?

what a dream / in the grass / we kissed / fell in love too fast too soon / love full bloom

Es tut mir gut ihn zu spüren. Seine Nähe, seine Wärme, seine Haut. Wir küssen und kämpfen, lachen und toben und langsam fällt die Anspannung der Ernsthaftigkeit von uns ab. Er flüstert mir ins Ohr, was er alles mit mir tun möchte. Aber ich bin auf der Hut und warte auf die Enttäuschung, warte, dass er ungeduldig wird, dass er geht, dass er etwas Verletzendes sagt. Ich weiß genau, welchem Idioten ich mein Misstrauen zu verdanken habe. "Langsam", flüstere ich ihm, der so ganz anders ist, ins Ohr. "Wir haben Zeit." Seele und Körper kennenlernen. Ganz unhastig. Und trotzdem ich ihn kritisch-genau im Auge behalte, macht er alles richtig, ist er lieb und zart und auch ein bisschen schweingemein, aber stets mit voller Aufmerksamkeit bei mir. Warme Wogen der Dankbarkeit.

should we get up / let's wake up / let's get dressed / i'll let you walk me up the street / back home

"Es ist Vollmond", sagt er, als er aufsteht und sich vor das Fenster stellt. Vom Bett aus beobachte ich ihn beim Anziehen. Und dann muss ich lachen, weil es schon ein bisschen lustig ist, dass ich mir einen Spießer in schwarzer Bundfaltenhose und Rollkragenpullover angelacht habe. Aber ich merke, dass mich diese Mischung aus Charme, Intellekt und Traurigkeit umhaut. "Komm nochmal her", locke ich ihn in verführerischem Ton, strecke die Hand nach ihm aus und ziehe ihn über mich. Wir küssen uns lange. Dann sieht er mir in die Augen und greift mit beiden Händen mein Gesicht: "Bist du wirklich echt?" fragt er ernst. "Bist du kein Traum?"

thank you / it was great / lets make another date / real soon / in the afternoon

Im Türrahmen lehnend schaue ich ihm hinterher. Dann tappe ich mit nackten Füßen zurück ins Bett.

(Cat Power. Could We)