Freitag, 9. Januar 2009

Mimi ist zurück aus dem Winterurlaub. Endlich. Nun will sie alles wissen und ich erzähle eine sehr gemäßigte Variante des Kennenlernens, der Begegnung in seiner Wohnung und meiner heftigen Reaktion danach. Sie schaut mich mit großen Augen an, während wir die spiegelglatten Straßen entlanglaufen, vermummt mit Schals, Mützen und Handschuhen. "Erzähl mal genau was er gemacht hat", fordert sie mich mit keckem Blick heraus, während sie neben mir herschlittert. Aber da muss ich passen. Ich schiebe es darauf, dass es mir peinlich wäre, was auch den Tatsachen entspricht, aber noch mehr fürchte ich, was sie darüber denken und welche Befürchtungen sie anschließend haben würde. Manche Dinge bleiben lieber ungesagt.

Als wir im Café angekommen sind, hole ich meinen Kalender heraus. Ich habe Fotos aus dem Internet ausgedruckt und schiebe sie ihr entgegen. "Oh Gott", entfährt es ihr und sie lacht auf. Mir war schon vorher klar, dass er ihr auch gefallen würde, denn er ist nicht nur ein bildschöner Mann, sondern auch unglaublich charismatisch. "Viel zu schön für mich", sage ich seufzend, während ich mit den Fingerspitzen seine Gesichtszüge nachzeichne. Mimi zeigt mir einen Vogel und nimmt einen tiefen Schluck.

"Es gibt keine Definition für diese Beziehung", erkläre ich ihr schließlich. Zumindest keine, die offiziell vertretbar wäre. Ich weiß, dass es weitergehen wird, dass ich es auch aus vernünftigen Gründen nicht lassen könnte, denn der Reiz ist zu groß, die Gier nach dem was unsere Treffen versprechen zu stark. Mimi guckt schief, als ich ihr von seinen etwas unübersichtlichen Beziehungskonstellationen erzähle und schüttelt missbilligend den Kopf. "Ich mache mir Sorgen um dich", sagt sie schließlich, während sie ihr Weinglas hin- und herschwenkt. "Er wird dir das Herz brechen mit diesen ganzen anderen Frauen, das hältst du doch nicht aus." Sie schaut mich fragend an und ich nicke. "Aber das Gute ist", fährt sie am Ende fort, "dass du jetzt wieder dran glauben kannst, dass es das Knallbummverliebtsein gibt. Es muss nur noch der Richtige vorbeispazieren."


 

Donnerstag, 4. Dezember 2008

Das letzte Treffen mit Mr. Sweet war im Juni. Es endete eher unerfreulich, denn er wollte irgendwas und ich wollte meine Ruhe. Anschließend gab es noch ein kurzes Telefonat: er ja, ich nein - Ende. Seitdem herrschte Schweigen, allerdings keines mit bitterem Nachgeschmack, sondern einfach eine Kontaktpause, damit wir irgendwann da weitermachen können, wo wir vorher aufgehört haben. Als Freunde.

Es ist ein zufälliges Wiedersehen. Strahlende blaue Augen in einem schönen Gesicht inmitten von vielen unbekannten Menschen. Ich kann auf einen Schlag alles Ungute vergessen, dafür sind Nähe und Innigkeit sofort wieder hergestellt, ganz ohne Beigeschmack der Peinlichkeit. Gut, dass das möglich ist.

Wir sitzen beieinander, jeder mit einer Bierflasche in der Hand. Er erzählt mir von seiner Arbeit, seiner Band, seiner Frau. Ich liebe es ihm dabei zuzuhören, wie er von Beziehungsproblemen spricht und trotz allem seine grenzenlose Liebe ihr gegenüber hindurchschimmert und jedes Problem zu überstrahlen scheint. Keine Gefahr, sie kriegen das hin, die Basis stimmt, alles ist gut.

"Roter Rock, rote Wangen und verliebt", sagt er und berührt mein heißes Gesicht mit seinen Fingerspitzen. Erst muss ich lachen, dann versuche ich die Sache mit dem Philosophen zu erklären, der wie ein Donnerschlag in mein Leben gepoltert ist und seit dem meine Gedanken nicht mehr verlassen hat. Ich kann ihn nicht haben, erkläre ich Mr. Sweet, nein, ich kann ihn nicht haben und obwohl das Wissen schmerzt, weiß ich gleichzeitig, dass es vermutlich auch besser so ist.

Wir beenden den Abend, als der Morgen schon angefangen hat und laufen noch ein Stück zusammen die Straße hinunter. Zum Abschied nimmt er meine Hände in seine und blickt mich ernst an. "Du kannst mich jederzeit anrufen, wenn es dir schlecht geht mit ihm. Wir können einfach nur reden." Ich umarme ihn, will ihn festhalten und ihm sagen wie sehr ich ihm für sein Angebot danke. Beziehungen mit Schieflage sind schließlich eigen, schmerzen ein wenig anders, wirken ein wenig anders. "Danke", flüstere ich ihm ins Ohr und er grinst verschmitzt, bevor er sich umdreht und geht.


 

Donnerstag, 16. Oktober 2008















Danke, Monsieur. Muss ja auch mal gesagt werden. Allein wäre das alles nicht halb so schön.


 

Montag, 13. Oktober 2008

Tap-tap-tap, höre ich die Trippelschritte von Herrn Baby, der mit einem Mal um die Ecke der Wohnungstür späht, dann loslacht und sich in meine Arme wirft. Das kleine Energiebündel und der ehemalige Lieblingskollege sind eine wunderbare Ablenkung von den letzten zwei Murks-Tagen und dem nachtragenden Gefühlskater. Aber bevor es losgeht, gibt es Kuchen und Mandarinen und gemeinsames Lauschen auf Sirenengeheul von Feuerwehrwagen. Davon gibt es nämlich mehr, als ich je geahnt habe.

Dann geht es los. Über Straßen und Plätze, vorbei an Einkaufsläden und Spielplätzen, an einer Kletterwand und einem Kinderbauernhof bis auf die große Wiese. Es ist fast windstill und so müssen wir immer wieder abwarten, bis eine Bö den selbstgebastelten Drachen in die Luft hebt und dort für ein paar Sekunden tanzen lässt. Der Lieblingskollege muss laufen und laufen und ich stehe da, mit Herrn Baby an der Hand, die Hälse gereckt und staunend in den Himmel schauend. Herr Baby kreischt lauthals vor Aufregung, rennt dann von einem zum anderen, klatscht begeistert in die Hände um dann ein betretenes Gesicht zu machen, weil der Drache jäh vom Himmel stürzt.



Glücksgefühle. Es gibt nur ein Hier und Jetzt. Ich stehe dicht neben dem Kollegen, wir friemeln die verhedderte Schnur auseinander, einer bindet einen Knoten fester, der andere rückt die kleine Metallöse gerade. Zwischen uns turnt Herr Baby herum, der die Elastizität der Drachenschnur prüft und wie ein aufgezogener Duracell-Hase unermüdlich Kauderwelsch plappernd hin- und herrennt. Der Tag soll nicht zu Ende gehen.

Am Abend sind alle erschöpft. Wir sitzen in der Küche und essen schweigend unsere Käsebrote mit Tomaten, Gurkenscheiben und Apfelstückchen und trinken warmen Tee dazu. Die Stille tut gut. Der Tag geht zu Ende, die Worte sind alle gesagt sind und es ist Zeit zum Schlafengehen.



Das Kind schläft. Ich bin müde und will mich auf den Heimweg machen, aber der Kollege winkt mich in die Küche, während er den Wein in die Ikeagläser kippt. Wir sehen uns grinsend an und prosten uns zu. Er fegt mit dem Handrücken ein paar Krümel zur Seite, während ich meinen Arm auf die Tischplatte lege und meinen Kopf sinken lasse. Dann fängt er an zu reden. Über die Gründe seiner Trennung, über das Elternsein, über die Schwierigkeiten, sich zu arrangieren und wie es ist, wenn man sich eigentlich alles ganz anders vorgestellt hat. Ich nippe an meinem Glas, sehe ihn an und er redet weiter. Dass er viel zu tun hat mit der Selbständigkeit, dem Vatersein, dem Freundsein. Wir trinken Wein und er isst Kuchen. Ich verstehen und nicke. So ist das also mit seinem Leben. Und während er erzählt, frage ich mich, wie es kommt, dass er heute zum ersten Mal etwas preisgibt. Einen Schritt in Richtung Freundschaft macht, an einem Tag, an dem ich genau diesen Vertrauensbeweis so gut gebrauchen kann.

Später, als ich mit dem Rad durch die Nacht fahre, etwas betrunken und sehr müde, weiß ich, dass die Murks-Tage vorbei sind. Alles in allem sind sie selten geworden, aber manchmal gibt es sie eben doch noch. Vielleicht, damit ich die Möglichkeit habe, mich zu vergewissern, dass sie vorbei gehen. So schnell, dass sie anschließend schon fast wieder vergessen sind.


 

Mittwoch, 8. Oktober 2008

Wir streiten und vertragen uns,
weil wir noch Freunde sind.
Wir sind immer da, auch ohne Grund,
weil wir noch Freunde sind.

(Die Toten Hosen - Freunde)

Zum Glück gibt es Mimi, denn Mimi ist vernünftig und Mimi kennt sich aus. Während ich plappernd erzähle und mich vor Aufregung beim Reden verhaspele, grinst sie mich an, zupft an ihrem neuen Pony und verdreht dann lachend die Augen. Sie findet das alles gut so. Hauptsache glücklich. Alles andere ist doch scheißegal. Oder?

Ich schaue ihr dabei zu, wie sie mit Stäbchen in ihrem Glasnudelsalat herumpiekst und sehe sie mir genau an. Das vertraute Gesicht. Die wasserblauen Augen, die dichten Wimpern, das blonde Haar, die fein geschwungenen Lippen. Trotzdem sieht sie heute anders aus. Mit neuer Frisur und neuer Brille. Sie sieht schön aus, denke ich. "Du siehst schön aus", sage ich. Und sie lächelt mich mit diesem Lächeln an, das ich schon mehr als mein halbes Leben lang kenne und das sie noch viel schöner macht. Meine Mimi.

Sie lenkt mich ab, erzählt von der Arbeit, gemeinsamen Freunden, Sport, Friseur, der Mutter. Mir fällt ein, wie sauer ich neulich auf sie war, als sie mir im Café gegenüber saß, erst schwieg und dann einfach ging. Zwei Menschen in einer Person. Liebe Mimi, böse Mimi. Heute schaffe ich es nicht, die beiden Bilder übereinander zu legen und zu einer Person werden zu lassen. Heute ist sie nur lieb und gut und schön. So wie ich auch.


 

Dienstag, 23. September 2008

Die ehemalige Schulfreundin und ich sehen uns ungefähr zweimal im Jahr. Sie schafft es, drei Stunden ohne Punkt und Komma zu reden. Genau wie früher. Ich muss nicht einmal nicken, "hm" machen oder eine Frage stellen. Meine bloße Anwesenheit reicht vollkommen aus.

Jedes Mal kommen zur Verabschiedung die gleichen Worte: "Und das nächste Mal erzählst du dann, wie es dir so geht und was du so machst, ok?" Jedes Mal denke ich dann: Warum tust du dir das an?


 

Sonntag, 21. September 2008

In unserer Freundschaft gibt es immer diese Phasen. Die Guten, in denen wir uns blind verstehen und die Schlechten, in denen ich dich zum Teufel wünsche. Dann muss mich Mimi mit beruhigender Stimme trösten und mir versichern, dass die Freundschaft zwischen dir und mir stabil ist. "Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Ihr zwei wart schon immer so... speziell."

Wieder und wieder gelange ich an den Punkt, an dem ich dir in die Augen sehe und du wie ein Fremder für mich bist. An dem unsere Unterschiede mir wie eine unüberbrückbare Kluft vorkommen, weil dein Schweigen mir zeigt, dass Ehrlichkeit dir nichts bedeutet. Obwohl ich deine Freundin bin, lügst du mir ins Gesicht, auch wenn die Wahrheit wie ein offenes Buch vor uns liegt, in das wir gleichzeitig hinein schauen.

Statt klarer Worte schweige ich. Statt ehrlicher Worte wirst du garstig, wechselst das Thema und wirfst mir etwas vor, was du schnell mal an den Haaren herbeigezogen hast. Im Sekundentakt entfernst du dich von mir, entferne ich mich von dir. Und ich frage mich, was du wohl empfinden magst, wenn du hinter meinem Rücken hier mitliest. Ob du ein schlechtes Gewissen hast. Ob du dich schämst. Ob du dich wohl an meine Bitte erinnerst.


 

Montag, 25. August 2008

Mimi gibt keine Ruhe. Sie will endlich den Kollegen kennen lernen. Irgendwie habe ich in den ganzen Monaten nie den Drang verspürt, ein Zusammentreffen herbeizuführen. Mittlerweile ist emotionale Ruhe eingekehrt und damit auch Zeit und Nerv, um einen gemeinsamen Termin zum Kickern zu finden.

Die Begrüßung mit dem Kollegen ist ein Stolperer. Er streckt mir die Hand hin, auf die ich so schnell aber gar nicht reagieren kann und ihn stattdessen ungeschickt umarme, wobei ihm ein leises "äh, ja" entfährt. Als ob er sich ganz plötzlich erinnern würde, dass wir uns schon länger kennen, dass uns vielleicht sogar so eine Art Freundschaft verbindet. Und prompt fällt mir eine andere Begrüßung von ihm ein, zu der er mir nur mit leicht erhobener Hand zuwinkte oder einem Treffen, bei dem er sich mit diesem kumpelmäßigen Schulterklopfen verabschiedete, was ich beides saublöd fand. Erst jetzt merke ich, dass er in diesen Dingen einfach ahnungslos ist. Dass er nicht absichtlich meine Nähe scheut, sondern einfach so ist. Hölzern und ungeschickt.

Auf der Heimfahrt sehe ich Mimi an und warte auf ihr Urteil. Sie hat beim Abschied gleich einen zweiten Termin arrangiert, also muss ihr der Abend gefallen haben. "Richtig nette Jungs", sagt sie. Genau, Jungs. Mimi rückt auf ihrem U-Bahnsitz herum und schaut aus dem Fenster in die dunkle Nacht. "Sie wirken beide so asexuell", sagt sie nach einer Weile und schaut mich fragend an. Ich muss schlucken und nicke dann. Verlegen schaue ich auf meine Knie und bin kurz davor zu fragen, ob ich denn auch so wirke. Dann würde diese Kombination nur umso besser passen. "Die sind so Typen, die niemals den ersten Schritt machen würden, die auch nicht wissen wie das geht." Wir schweigen. "Nicht gut für's Herz", murmelt sie leise. Vielleicht hat sie recht.

Am nächsten Nachmittag sehe ich den Kollegen wieder. Wir basteln zusammen Technikkram und die Stunden vergehen im Handumdrehen. Immer wieder beugt er sich zu mir herüber und schaut auf den Monitor. Immer wieder berühren sich unsere Arme und liegen nebeneinander, ohne das einer von uns wegzieht. Ich spüre seine Nähe, seine Wärme. Es fühlt sich gut an. Aufregend. Kribbelig. Trotz Harmlosigkeit. Ich merke, dass es das ist, was ich mir die ganze Zeit gewünscht habe. Ein kleines bisschen Nähe. Nicht mehr. Auf dem Nachhauseweg merke ich erst, wie verquer meine Bedürfnisse sind. Bloß nicht zuviel. Bloß nicht zu nah. Wahrscheinlich unterscheide ich mich gar nicht so sehr von ihm, nur dass ich geschickter und aufmerksamer bin, was Nähe und Distanz und Alltäglichkeiten angeht.


 

Sonntag, 17. August 2008

Krankenhaus2005.

Was davon geblieben ist:
1. die Erinnerung, wie es war, nach langer Zeit endlich wieder Luft holen zu können
2. das Gefühl, anschließend ins Bodenlose fallengelassen zu werden
3. Frau Spieß

Frau Spieß ist eine Person, die ich im richtigen Leben einfach übersehen würde. Sie ist unscheinbar, zurückhaltend und leise. Aber zusammen in einem Krankenzimmer redeten wir miteinander. Wir redeten und redeten und redeten. Was soll man in einem Krankenhaus auch anderes tun. Unseren gesamten Aufenthalt über pflegte sie alle zwei Tage zu fragen: "Wieso bist du nochmal hier?" Sie hat es nie richtig verstanden, aber das macht nichts.

Frau Spieß kommt aus einer anderen Welt. Aus einer Welt in der man Bildzeitung liest und zum Arzt geht, wenn man körperliche Schmerzen hat. Aus einer Welt, in der man Falttüren praktisch findet und apricotfarbenen Teppich zur dunklen Schrankwand schick. In einer Welt, in der man mit Maggi Fix kocht und Stoffbeutel aus dem Supermarkt als Handtaschenersatz akzeptabel findet. Sie wurde von ihrem Hausarzt ins Krankenhaus überwiesen. Anpassungsstörung. Reaktion auf den Tod ihres Mannes. Ein anderes Leben, eine andere Welt.

Die Zeit im Krankenhaus ist lange vorbei, aber Frau Spieß ist in meinem Leben hängen geblieben. Was Freundschaften angeht, gehören wir beide zum langjährigen Typ. Nun ist sie so eine Art ältere Freundin geworden. Wir telefonieren einmal im Monat um uns zu verabreden. Dann gehen wir zusammen ins Kino, Essen, Spazieren oder zum Grab ihres Mannes. Ich mag diese Treffen, diese Einblicke in eine fremde Welt. Und ich glaube, sie mag mich. Mich und meine Fragen, die sie dazu bringen, ihre eigene Welt mit anderen Augen zu betrachten. Darüber nachzudenken, warum sie etwas in ihrem Leben auf diese oder jene Weise getan oder entschieden hat. Wie die Zeit mit ihrem Mann war. Verliebt sein, Heirat, Hausbau, Kind, Krankheit, Tod. Und dann natürlich der Ist-Zustand. Was ist eigentlich Zufriedenheit und was bedeutet Glück?

Als ich Frau Spieß anrufe, sagt sie nur: "Setz dich hin." Und während ich mich auf mein Bett fallen lasse, erzählt sie mir vom Knoten in der Brust, von den Untersuchungen, von der OP und dass sie heute erst aus dem Krankenhaus entlassen wurde. "Ich komme vorbei", sage ich knapp und spüre, wie mir beim Aufstehen die Knie weich werden. Ich packe Obst, DVD's, Bücher ein und gehe zum Bäcker um Kuchen zu holen. Alles will ich ihr mitbringen, am besten aber Hoffnung. Leider kann ich keine finden.

Sie sieht gut und gesund aus, wie sie da sitzt, die Hände im Schoß gefaltet. "Es ist kein Todesurteil", sagt sie in diplomatischem Ton, aber dann reden wir trotzdem vom Sterben. "Ich habe mein Leben gelebt." In ihren Worten klingt etwas mit. Ein beiläufiges Da-kommt-nichts-mehr. In ihren Augen sehe ich, dass sie daran glaubt. Ich spüre die Ohnmacht meines Schmerzes. Ich will es nicht hören. "60 Jahre sind eine lange Zeit", fährt sie fort. Das hat auch meine Mutter über das Sterben gesagt. Das Gespräch wird hastiger, wir drehen uns im Kreis und unsere Sätze trudeln ziellos umeinander, ohne den anderen zu erreichen. Dann steht Frau Spieß auf. "Erstmal eine rauchen", sagt sie und öffnet die Balkontür.

Ich werde ruhiger und zwinge mich dazu, langsam zu atmen. "In meiner Umgebung wird zu viel und zu leichtfertig gestorben", sage ich laut, obwohl ich es nur denken wollte. Sie lacht und guckt mich mit diesem Kinky-ist-ein-Alien-Blick an. "Hauptsache es geht schnell." Dann erklärt sie mir, wie sie keinesfalls sterben will. Von Maschinen am Leben erhalten, ein Pflegefall sein, künstlich ernährt werden, nicht mehr laufen können. Ich muss sie bremsen, weil ihre Phantasie zu weit geht. Weil irgendwann jede körperliche Einschränkung ausreicht, um das Leben nicht mehr lebenswert erscheinen zu lassen. Das Thema wühlt uns beide so sehr auf, dass wir schweigen müssen.

"Was ist eigentlich mit unserer Fahrt an die Ostsee?", will sie plötzlich wissen. Und wir sind beide erleichtert, das Thema wechseln zu können. Gemeinsam in die Sonne blinzeln und die Zukunft gestalten. Es ist Zeit zu Leben.


 

Donnerstag, 7. August 2008

Mr. Sweet ruft an, noch halb im Urlaub, von der Autobahn aus. Ob ich Zeit hätte am Abend. Ich zögere für einen kurzen Moment, stimme dann aber zu. Die letzte Verabredung muss irgendwie überdeckt werden. Unsere Beziehung anders fortgesetzt werden. Freundschaftlich und ohne Hintergedanken.

"Ich komme zu dir", sagt er und der Unterton in seiner Stimme lässt mich hinzufügen: "Aber nur zum reden." Ganz, wie es seiner Art entspricht, schlägt er einen schmusigen Tonfall an. Ich bin enttäuscht. "Ich will nicht." Klipp und klar, für mich und für ihn. Offensichtlich reichen Signale nicht aus, es müssen klare Worte sein. "Schade, schade", sagt er sanft zur Verabschiedung, schade, schade, denke ich trotzig, nachdem ich den Hörer aufgelegt habe.

Lieber ein Date mit der Freundin. Sicher ist sicher. Zweideutigem Kram aus dem Weg gehen.